[ IRATE ARCHITECT ]

Vor geraumer Zeit legte ich mir die "Born Blood Portrait" MCD von den Nordlichtern IRATE ARCHITECT zu und diese versetzte mich sofort in Verzückung. Dass ihr erst Longplayer ein Killer werden würde, stand für mich einwandfrei fest. Das Warten darauf geriet zwar zur Tortur, hat sich aber zweifelsfrei gelohnt, denn "Visitors" gehört (zumindest für mich) zum Nonplusultra in Sachen High-End Death/Grind und überzeugt auf ganzer Linie. Jedoch hat es mir nicht nur die Mucke, sondern auch die Einstellung bzw. Attitüde der Band angetan. Ein IRATE ARCHITECT-Interview war daher nur eine Frage der Zeit und kam (obwohl ich die Architekten ohne es vorher anzukünden mit meinen Fragen einfach so überrumpelte) schnell und unkompliziert im Frühjahr 2009 zustande. Bühne frei für Vokalakrobat Christoph, der (stellvertretend für IRATE ARCHITECT) zu erzählen beginnt und die Stimme weit lauter erhebt, als die ständige Tragikkomödie des Erdentheaters (oder so)! (Gerste)

1. Hallo Architekten! Zuerst einmal heißen Dank fürs Interesse an dem Interview. Habt ihr eigentlich schon mal was von unserem kleinen antimusikalischen Wurstblatt gehört oder ist es heuer das erste Mal, dass ihr damit konfrontiert werdet?
- Hi, Christoph hier von IRATE ARCHITECT. Ich für meinen Teil habe vorher leider noch nichts von Euerm CFMD-Zine gehört. Mir gefällt die undergroundige, rohe Aufmachung und die linkspolitische Attitüde dabei.

2. Mit Euch irgendwann mal ein Interview zu machen, war eigentlich unabdingbar, denn bereits Eure 2005er MCD "Born Blood Portrait" hat mir gut gefallen. Das IRATE ARCHITECT-Debütalbum "Visitors" hat mich dann allerdings komplett vom Sitz gerissen! Gab's vor diesen beiden Releases eigentlich auch ein Demo oder habt ihr gleich mit der MCD Euern Einstand gefeiert? Ich frage deshalb, weil die Veröffentlichung eines Demos (zumindest meiner Meinung nach) heutzutage eben nicht mehr unbedingt Standard ist und Bands oft gleich mit einer regulären Veröffentlichung (zumeist CD) an den Start gehen. Habt ihr diese Entwicklung auch beobachtet? Wenn ja, was haltet ihr davon?
- IRATE ARCHITECT entstand 2003 (allerdings da noch namenlos), nachdem Jens (guitar) einen Grindsong für einen Sampler schreiben und aufnehmen wollte. Dafür fragte er Philipp (drums), ob dieser, trotz seines Punk Backgrounds, nicht Bock hätte den Song mit zu arrangieren und einzutrommeln. Der Song namens "Timber Processing" (ebenfalls neu aufgenommen für die "Visitors" CD) wurde an einem Tag geschrieben und eingespielt. Danach war beiden klar, dass sie musikalisch gemeinsame Wege gehen müssen. Unsere erste Veröffentlichung war dann tatsächlich die "Born Blood Portrait" Single auf MCD und 7" Vinyl. Beide Auflagen auf 500 Stk. limitiert, wobei die MCD ausverkauft ist. Es hat sich bei der Entwicklung ja nur das Medium geändert. Früher waren es Demotapes und heute sind es halt Demo-CD's, die veröffentlicht werden. Wenn du so willst ist unsere "Born Blood Portrait" Single auch nur ein Demo, nur das wir es via "Third Alliance Records" veröffentlicht haben, um uns auch wirklich bei den Reviews mit größeren Bands messen zu können und nicht im Demosumpf unterzugehen. Es ist bei unserer Debüt-Single auch alles in Eigenregie entstanden.

3. Welche Gefühle überkommen Euch, wenn ihr Euch anno 2009 "Born Blood Portrait" und "Visitors" reinzieht? Seid ihr noch glücklich mit den Silberlingen? Wie beurteilt ihr die Reaktionen und das Feedback, welches ihr bzgl. der beiden Scheiben bekommen habt?
- Die "Born Blood Portrait" Single finde ich heute genauso geil, wie damals, woran sich wohl auch in Zukunft nichts ändern wird. Die Aufmachung ist super, der Sound mördermäßig und die Songs sind auch durchweg alle Hits. Hinzu kommen noch die absolut genial düster-atmospärischen Soundscapes, die dieses Werk grandios abschließen und zu einer Einheit verbinden. Absolut gelungen! Bei der "Visitors" Debüt-CD gibt es im Nachhinein doch ein paar Kritikpunkte meinerseits. Ich finde die Platte bei dem kompromisslosen Geprügel von der Spielzeit her ein bisschen zu lang (die Fans bekommen so zumindest was für ihr Geld!). Der Sound ist für meinen Geschmack ein wenig zu klinisch ausgefallen und die Basslinien sind zu verspielt, so dass zuviel Brutalität verloren geht. Dafür ist das Artwork & Layout der Platte tierisch genial geworden. Alles in Allem bin ich natürlich mehr als zufrieden mit dem Endergebnis und denke, dass wir uns damit nicht vor großen, internationalen Brachialcombos verstecken müssen. Die Reaktionen und Reviews, beider Veröffentlichungen seitens der Presse und der Fans, sind gut bis herausragend ausgefallen, was uns natürlich sehr freut und aufzeigt, das wir den richtigen Weg beschreiten.

4. Warum hat es eigentlich satte anderthalb Jahre, die zwischen Produktion und Veröffentlichung lagen, gedauert, bis "Visitors" in 2008 endlich auf die Menschheit losgelassen wurde? Das Album sollte ursprünglich mal via Morbid Records erscheinen, doch dieses Label hat dann das Zeitliche gesegnet. Letztendlich seid ihr bei War Anthem Records gelandet. Seid ihr zufrieden mit diesem Label und mit dem, was es für IRATE ARCHITECT bislang getan hat und derzeitig tut?
- Die Platte war komplett im Kasten, nur fehlte uns ein kompetentes Label, da für das "Visitors" Debüt-Album eine weitere "Eigenveröffentlichung" nicht in Frage kam. Dann standen wir mit "Morbid Records" in Verhandlungen, die sich bis zu einer Konkretisierung über ein halbes Jahr hinzogen und uns allmählich derbe abnervten. Danach zeichnete sich ohnehin die Schließung des Labels ab, worauf wir zu "War Anthem Records" wechselten. Von da an verstrichen natürlich wieder ein paar Monate, bis die Platte endlich in die Läden kam. Wir sind durch "WAR" auf jeden Fall einen Schritt weiter gekommen. Es gab mehr Promotion, Reviews, Interviews & Vertrieb zum "Visitors" Debüt. Allerdings bleiben noch ein paar Punkte offen, um eine Band auf lange Sicht zu festigen. So müsste noch mehr Promo-/Marketingarbeit getätigt werden und zudem Touren gebucht werden.

5. Aufgenommen und gemixt wurde sowohl "Born Blood Portrait", als auch "Visitors" im Third A Studio (wo, wenn ich richtig informiert bin, auch schon Bands wie SUFFERAGE, POOSTEW oder OPHIS aufgenommen haben) von Euerem Gitarristen Jens. Für ihn war die Doppelbelastung als Klampfer einerseits und "Knöpfchendreher" andererseits sicher kein Zuckerschlecken. Außerdem kann ich mir vorstellen, dass es eine zusätzlich Belastung darstellt, wenn man die Band, in der man selbst spielt, aufnimmt und mixt. Wie gestaltete sich der Aufnahme- und Mixingprozess? Stimmt es, dass es beim Mixen von "Visitors" leider auch (wie an anderer Stelle berichtet wurde) zu, na ja, "unentspannten Momenten" kam, die letztendlich dazu führten, dass Euer alter Bassist die Band verließ? Wie dem auch sei, der Jens hat einen Sound hingezaubert, der den Putz von den Wänden rieseln lässt! Dafür großes Lob an dieser Stelle!
- Auf der einen Seite ist es für Jens natürlich stressig, sich zusätzlich noch um das Aufnehmen und Mischen seiner eigenen Band zu kümmern. Auf der anderen Seite ist es aber auch ein Privileg und Vorteil für alle Beteiligten, da es keinen Zeitdruck gibt und man viel herumexperimentieren kann. Schon bei den Aufnahmen wurde auf Perfektion geachtet, was teilweise diverse Takes und schlechte Laune mit sich zog. Beim Mischen haben wir Jens vorerst freie Hand gelassen, da wir großes Vertrauen und Respekt seiner Arbeit gegenüber haben und seine Soundvorstellungen unseren ohnehin ziemlich nahe kommen. Nach dem ersten Roughmix haben wir dann alle unseren Senf dazugegeben, so das der Sound weiter und weiter modifiziert oder verändert wurde, bis alle mehr oder weniger zufrieden waren. Mit unserem Ex-Bassisten Asgard lagen wir im Vorfeld schon nicht im 100% Einklang. Wir hatten ihn zwischen beiden Platten schon das erste Mal gedropt, da waren es in erster Linie aber noch andere Beweggründe. Bei den Aufnahmen kamen dann wieder große Zweifel auf, ob wir wirklich solche verspielten, egomanen Basslinien auf der "Visitors" haben wollen und dadurch beim Gesamtsound Abstriche in Kauf nehmen müssen. Danach folgten mündliche und schriftliche Auseinandersetzungen die schließlich zum 2. und endgültigen Bruch mit Asgard führten. Es ist auf der einen Seite sehr schade und nicht gerade glücklich gelaufen, auf der anderen Seite war es unausweichlich und besser so. Zudem haben wir in Kai Schweers (Ex- Embedded) einen coolen Nachfolger am Bass gefunden, der unseren Sound super unterstützt und derbe Druck macht - so wie wir es uns von Anfang an vorgestellt hatten.

6. Habt ihr vor, auch das nächste Mal wieder im Third A Studio aufzunehmen oder seid ihr Euch darüber noch nicht so recht schlüssig? Was spricht Eurer Meinung nach dafür und was dagegen?
- Wir sind uns noch nicht schlüssig, ob es für die nächste Full Length Platte wieder ins "Third A Studio" geht. Dagegen spricht, dass Jens zu perfektionistisch ans Aufnehmen & Mischen herangeht und er nie fertig wird, bzw. mit dem Ergebnis nie zufrieden ist. Dafür sprechen allerdings ein paar mehr Punkte. Wir haben wie schon erwähnt keinen Zeitdruck und können dementsprechend mehr ausprobieren. Jens ist ein Mega-Soundengineer, der so einen guten Job macht, das wir uns, um gleichwertige Qualität zu bekommen, im Ausland umschauen müssten oder es derbe teuer wird.

7. Sicherlich werkelt ihr bereits an neuem Material (ich nehme es jedenfalls an). Auf was darf man sich da also releasetechnisch gefasst machen? Wird's gleich wieder eine Full Length oder evtl. eine EP oder gar Split? Hab da vor geraumer Zeit mal was von einer geplanten Split-10" mit den Überschallknüpplern YACÖPSAE läuten hören. Ist das Teil immer noch in Planung (was ich sehr begrüßen würde!) oder liegt die Geschichte mittlerweile auf Eis?
- Tatsächlich ist vor dem nächsten Full Length Album, als Überbrückung, Mitte/Ende des Jahres eine Split 10" mit YACOPSAE angedacht. Das Songmaterial dafür ist schon fertig geschrieben. Die würden wir dann auf jeden Fall im "Third A" aufnehmen. Jedoch steht bei diesem Vorhaben zur Zeit nur die Idee im Raum. Hinzu kommt, das unser Drummer Philipp gerade ernsthafte gesundheitliche Probleme hat und wir gar nicht wissen, wann wir wieder zusammen losrocken können.

8. Kann davon ausgegangen werden, dass ihr auch bei zukünftigen Releases weiter mit dem "Lärmbelästiger" Karim zusammenarbeiten werden, der schon 2mal das Layout Eurer Scheiben veredelt hat? Seid ihr mit seinen Werken zufrieden? Meiner Meinung nach könnt ihr das. Ich für meinen Teil finde beide Artworks gut. Übrigens: Wer sind eigentlich die 4 Kerle auf dem "Visitors"-Cover? Sind das die Besucher? Wenn ja, wen wollen die eigentlich besuchen und wo kommen sie her? Also besonders vertrauenserweckend sehen die Burschen ja nicht gerade aus, hähä!
- Man weiß ja nie was genau passiert, aber die Wahrscheinlichkeit, dass wir auch in Zukunft mit Karim zusammenarbeiten werden ist sehr hoch. Ich arbeite sehr gerne und gut mit ihm zusammen, auch wenn es meistens länger dauert, da ich immer wieder mit Änderungen ankomme. Außerdem ist er ein super Typ und hat wegen seinem Mailorder die ganze Bude randvoll mit aktuellen CDs was die Treffen bei ihm auch immer zu großartigen Listening-Sessions werden lässt. Die Bedeutung des Artworks und deren im Mittelpunkt stehenden Figuren darf gerne jeder für sich deuten. Bei mir erzeugt das Artwork in erster Linie ein unbehagliches und bedrückendes Gefühl, eingebettet in eine sehr düstere Atmosphäre. Dem Gegenüber steht aber eine machtvolle, zielstrebige Ausstrahlung der vier Personen, die sich sicher sind, wohin ihr Weg führt und wissen, dass sie nichts in dieser Welt aufhalten kann. In Anlehnung dessen fühlen wir uns natürlich auch ein wenig wie die "Visitors".

9. Oft, eigentlich sehr oft sogar, wird die von Euch fabrizierte Mucke in die Death/Grind-Schublade gesteckt und auch meine Wenigkeit ist der Bezeichnung Death/Grind in Bezug auf den IRATE ARCHITECT-Stil nicht unbedingt abgeneigt. Wenn ich mir von Euch gepflegt die Lauschlappen durchblasen lassen, kommen irgendwie Erinnerungen an modernen, technischen Death Metal bzw. Death/Grind US-amerikanischer Prägung auf. Trotz des doch ziemlich hohen Technikgehalts und des ausgefeilten Songwritings ist die Chose nicht wirklich frickelig, sondern bleibt nachvollziehbar. Außerdem sind genug straighte Abgehparts vorhanden, die mein kleines, durch jahrelangen Konsum von Knüppelmucke geschädigtes, Herz höher schlagen lassen, yeah! Wie seht ihr das? Beschreibt doch mal bitte den IRATE ARCHITECT-Sound mit eigenen Worten!
- Du liegst da eigentlich schon richtig. Wir machen highend Death/Grind mit ein bisschen mehr Abwechslung, als meistens üblich!

10. Wie ist es überhaupt um die (anti)musikalischen Vorlieben der Herren Architekten bestellt? Also wenn man anhand der von den Bandmembers getragenen Shirts auf die Vorlieben schließt, so scheinen da brutal und technisch agierende Death Metal Herden (DYING FETUS, WORMED, CRYPTOPSY, DISAVOWED, DEFEATED SANITY…) genauso hoch im Kurs zu stehen, wie Old School Kapellen (MORBID ANGEL, UNLEASHED, KREATOR…), wobei Euer Drummer Philipp schon mit Bandshirts (von EXTREME NOISE TERROR, DISRUPT, CHARLES BRONSON, CAPITALIST CASUALTIES etc.) gesichtet wurde, die sich auch in meinem Kleiderschrank wohl fühlen bzw. in guter Gesellschaft befinden würden. Also wie sieht's aus mit den Vorlieben und wer von Euch hat die "bunteste" Plattensammlung?
- Unser aller Herzblut hängt natürlich in erster Linie am Death/Grind, wobei bei jedem von uns aber auch andere musikalische Interessen vertreten sind. Wie schon richtig gesichtet, ist unser Trommler Philipp ebenfalls ein leidenschaftlicher Fan zünftiger Punkmusik. CAPITALIST CASUALTIES sind dabei einer seiner Favoriten. Die bunteste Plattensammlung in unserem Zirkel befindet sich wohl in meinem Heim. Bei mir gibt es fast aus jeder Musikrichtung (egal ob Punk, Rock, Pop, Elektronik, Jazz etc.) eine Patte zu sichten. Dabei findet man von DEPECHE MODE, BON JOVI (das alte Zeug), DOWN, über CHET BAKER, TOM WAITS, BOHREN & DER CLUB OF GORE weiter zu SQUAREPUSHER, NINE INCH NAILS, PRODIGY bis hin zu CRO-MAGS, TURBO AC´S oder SLIPKNOT einiges und noch vieles mehr… Wenn du mal in Hamburg bist, ein wenig Zeit und Enthusiasmus mitbringst, kommst du mal auf ein paar Bier oder Kaffee vorbei und findest das restliche Programm aus dem Plattenregal (save Vinyl!!!) selbst heraus, Auflegen inklusive.

11. Apropos CAPITALIST CASUALTIES: Während ich das Interview tippe, läuft hier gerade deren Split mit HELLNATION und ich muss schon sagen, dass es die West Coast Powerviolence Veteranen immer noch absolut drauf haben! Am 06.05. werdet ihr zusammen mit ihnen, WOJCZECH und YACÖPSAE in Hamburg spielen. Ein absolutes Killerpackage, wenn ihr mich fragt!!! Da kommt Vorfreude auf, oder?
- Das Konzert hat Philipp aus oben genannten Gründen (Lieblingsband und so…) organisiert, zumal YACOPSAE ebenfalls zu seinen absoluten Helden zählt. Für ihn ist damit ein Traum in Erfüllung gegangen, so dass vermutlich an dem Tag/Abend Geburtstag und Weihnachten zusammen gefeiert wird! Der Rest von IRATE ARCHITECT freut sich natürlich auch derbe auf das Event.

12. Überhaupt scheinen mir IRATE ARCHITECT recht spielfreudig zu sein. Angefangen bei kleinen Locations bis hin zu großen Festivals habt ihr schon so einige Gigs abgerissen, wobei der Auftritt beim 2008er PARTY.SAN-Open Air der bisher größte gewesen sein dürfte. Wo gefällt es Euch besser, in den kleinen Clubs oder auf den großen Open-Air-Bühnen und welches war der bislang denkwürdigste IRATE ARCHITECT-Gig?
- Mir persönlich gefallen auf jeden Fall kleine Clubkonzerte besser. Da ist immer mehr Stimmung und Atmosphäre vorhanden, als auf großen Festivals. Die Leute kommen da ja auch explizit wegen IRATE ARCHITECT hin und wollen dementsprechend mit uns Spaß haben und abgehen. Außerdem ist dort der Kontakt zu den Fans oder auch generellen Musikfreunden viel intensiver; man kann zusammen anstoßen und sich näher unterhalten. Auf großen Bühnen oder Festivals hat man dafür mehr Publikum, welches man versucht, für sich zu begeistern und mitzureißen, was nicht immer leicht fällt. Außerdem ist es für ne coole Grindkapelle immer Scheiße auf Open Air Konzerten im hellsten Sonnenschein auf der Bühne zu stehen, vor allem, wenn die Calvin Klein Sonnenbrillen ausgegangen sind. Der denkwürdigste Auftritt war wohl in einem kleinen Club im Osten. Der Veranstalter hatte uns einige Zeit vorher live gesehen und war davon so begeistert, dass er uns auch bei sich im Laden haben wollte und meinte das es auch derbe voll wird. Als das Konzert anstand, war es erstens schweinekalt in dem Laden (wir mussten dort auch noch pennen), zweitens gab es ne Vorband die Alternative Mucke machte und zu guter letzt kamen auch nur 20 zahlende Gäste. Wir waren so angepisst von den Umständen, das wir dafür wohl noch um einiges brutaler und wütender losprügelten, so das die wenigen Leute die vor Ort waren sich von der Aggressivität anstecken ließen und bis auf den Letzten total durchgedreht sind. So das es für alle Anwesenden doch noch ein Happy End gab.

13. Bleiben wir noch einen Moment bei den "denkwürdigen Ereignissen" der Bandgeschichte. Eines der negativsten Ereignisse dürfte gewesen sein, als Euer Drummer nach überstandener Mini-Tour im September 2007 wegen einer Gehirnblutung auf der Intensivstation behandelt werden musste und es zunächst nicht feststand, ob er die Geschichte überhaupt lebend und unbeschadet übersteht. Meine Fresse, das war doch bestimmt ein echter Schock für Euch! Was zur Hölle ist denn da passiert und inwieweit schweißt so ein Ereignis das Bandgefüge noch fester zusammen?
- Das war allerdings ein riesiger Schock für uns alle. Wir hatten zuvor einen Gig in Wismar gezockt, sind dort nächsten Tag auch noch zum Fischmarkt gefahren und haben uns mit Leckereien aus dem Meer eingedeckt. Danach ging es für uns alle und den Gestank weiter nach Hause. Kurze Zeit später klagte Philipp über derbe Kopfschmerzen und das er nicht mehr richtig sehen könnte. Eigentlich wollte er sich erst mal nur hinlegen, in der Hoffnung danach wieder fit und Schmerzfrei zu sein. Doch zum Glück beharrte seine Freundin darauf, mit ihm auf der Stelle ins Krankenhaus zu fahren. Andernfalls würde Philipp eventuell schon nicht mehr unter uns verweilen. Im Krankenhaus angekommen wussten die Ärzte wohl schon ungefähr was los ist und bohrten ihm sofort in den Schädel, um den Druck zu nehmen. Danach gab es zahlreiche Untersuchungen, bis klar war, dass es sich dabei um eine Hirnblutung (Geplatztes AVM) handelte, welche ausgebrochen war. Da er noch einige Zeit im Krankenhaus verweilen musste, besuchten wir ihn und versuchten ihm die Angst zu nehmen, ihm Mut zu machen und ihn wissen zu lassen, das wir immer für ihn da sind und egal wie lange es dauert, auf ihn warten werden. Mittlerweile wurde das AVM in Philipps Hirn bestrahlt, so dass nach ca. 3-5 Jahren der Gefahrenbereich einer Wiedereinblutung an der Stelle verlassen wird und sich wieder eine relativ normale Lebensqualität erreichen lässt. Bis dahin kann es sein, das es bei Philipp immer wieder physische Höhen und Tiefen, bedingt durch Nebenwirkungen und Neustrukturierungen der Arterien, gibt. Als Bandgefüge sind wir zusammen stärker, denn je aber was Songwriting, Proben, Shows etc. angeht, leider ziemlich gehandicapt.

14. Auf gar keinen Fall kommt ihr mir hier im Interview davon, ohne nach den Texten befragt zu werden;)! Die fand ich nämlich schon damals zu "Born Blood Portrait"-Zeiten ziemlich ansprechend und auch die Lyrics zum "Visitors"-Album halte ich wieder für gelungen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sie originell sind und sich somit von der breiten Masse abheben. Meine Faves aus dem IRATE ARCHITECT-Textgut-Fundus sind definitiv "Pathfinder", "Chicks On Speed", "Weeping Eye" und "Lonesome Girl". Wäre cool, wenn ihr ein bisschen mehr über die Lyrics im Allgemeinen und über diese 4 Texte im Besonderen verraten würdet. Könnt (und wollt) ihr das, oder sollen sich die Leute, die daran interessiert sind, lieber selbst damit auseinandersetzen und sich ihr eigenes Bild davon machen?
- Mein Lyrics sind meist kleine, miese Geschichten, die aus Erzählungen, Büchern, Filmen oder meiner eigenen Fantasie entspringen. Das ganze wird zudem oft in einen mysteriösen oder surrealen Umhang gehüllt, damit genug Platz für Eigeninterpretationen der Texte vorhanden ist.
"Pathfinder": Ist ein offensichtliches Statement gegen Nazis und Faschismus generell, da dieses Thema leider auch im Metal noch längst nicht abgehakt ist und genug irre Quergänger auf Konzerten und sogar in Bands unterwegs sind. Davon wollen wir uns komplett abgrenzen, auch in der Hoffnung, dass der Eine oder Andere sich ebenfalls mehr Gedanken über die Problematik macht. Fuck The Nazi Scum!!!
"Chicks On Speed": War ja abzusehen, das du eher die politischen Texte bevorzugst. Dies ist ein kranker Trip durch die Fleischfabriken und insbesondere die Fastfood Gesellschaft. Blinder Konsum ohne Rücksicht auf Verluste und Hinterfragung der Tierhaltung ist heute sehr In. Bei "Chicks On Speed" rächen sich zumindest die Seelen der Gequälten an ihren Peinigern. Leider ist dies nur Fiktion und keine Realität.
"Weeping Eye": Dies ist eine absurde Geschichte über einen Plüschtier Panda namens Pauly, der sein fremdbestimmtes Leben vor seinen Augen vorbeiziehen sieht. Von der Schaufenstertristesse, über seinen Verkauf an eine Teeny Zicke bis zu seiner endlos traurigen Zerstückelung auf einer Bühne eines Konzertes.
"Lonesome Girl": Das ist so eine kleine, miese Geschichte. Ein gewalttätiger Psychopath sucht sich in einer Bar sein weibliches, blondhaariges Opfer gewählt aus, beobachtet und verfolgt es, bis er sich in Sicherheit wiegt und denkt "Jack The Ripper" nachahmen zu können. Doch dieses Mal ist es anders, denn die wirklich kranke Person ist sein bildhübsches Opferlamm, welches scheinbar direkt aus der Hölle kam, um zu spielen...

15. Es hört sich zwar sehr nach einer ausgelutschten Standardfrage an, aber wie wichtig ist für Euch der Textgehalt einer Band? Damit meine ich nicht nur Eure eigene Combo, sondern auch die Bands, die ihr so privat hört. Fallen Euch spontan Texte ein, die Euch auf irgendeine Art beeinflusst oder zum Nachdenken gebracht haben? Glaubt ihr, dass ihr auch mit Eueren eigenen Lyrics die Leute zum Nachdenken bewegen könnt und/oder dazu, dass sich mal etwas genauer mit der behandelten Materie auseinandersetzen?
- Für mich sind meine eigenen Texte schon relativ wichtig, da ich mich dafür ja auch rechtfertigen muss und gegebenenfalls Einfluss ausübe. Außerdem ist es für mich harte Arbeit, Texte zu kreieren, da es mir leider nicht so flüssig von der Hand geht und ich stunden- oder tagelang daran schreibe und modifiziere. Ich halte mich dabei aber nicht für einen geistreichen Poeten, leider. Bei anderen Bands sind mir die Texte nicht ganz so wichtig, obwohl ich auch dort die intelligentere Sorte favorisiere. Ausnahmen bestätigen die Regel: ich liebe CANNIBAL CORPSE und deren Texte. Es muss einfach ein stimmiges Gesamtkonzept einer Band vorhanden sein, damit ich sie zu 100% in mein Herz schließen kann. Meine textlichen Inspirationen hole ich mir dabei aber selten von anderen Bands.

16. Mit "Pathfinder" und dem Statement "Wir spielen nicht für Nazis!" habt ihr eindeutig und unmissverständlichen klargestellt, wo ihr steht und das ist auch verdammt gut so! Inwieweit wurdet ihr als Band, aber auch persönlich schon vom kackbraunen Pöbel provoziert oder gar angegriffen? Kam es da auch schon zu nonverbalen Konfrontationen und wie sieht es im Allgemeinen mit den rechtsextremistischen Aktivitäten in eurer Gegend aus?
- Mit IRATE ARCHITECT ist es uns bis jetzt erspart geblieben, mit solchen Leuten konfrontiert worden zu sein. Im privaten Leben standen wir wohl alle schon vor, zumindest verbalen, Auseinandersetzungen mit dem dumpfsinnigen Abschaum. Nazi Aufmärsche und Demonstrationen häufen sich zur Zeit ja überall, Hamburg ist da leider nicht von ausgenommen. Zum Glück haben wir hier aber ein sehr starkes und tatkräftiges Antifaschistisches Feld, welches sich u.a. in dem linken Zentrum der "Roten Flora" (www.rote-flora.de) bündelt.

17. Wie beurteilt ihr die derzeitige Situation in diesem "schönen" Land? Die Wirtschaft steht nah am Rande des Abgrunds, Inflation und Massenarbeitslosigkeit stehen drohend vor der Tür, die Staatsverschuldung wächst in Unermessliche, die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander, das so genannte "soziale Netz" wird schrittweise immer weiter abgebaut, Korruption in den höchsten Kreisen ist an der Tagesordnung, vom Orwell'schen Überwachungsstatt trennt uns nicht mehr viel, die totale Volksverdummung durch Regierung und Massenmedien steuert ihrem ultimativen Höhepunkt entgegen und die grau-bunte Masse schreit "hurra". Echt prickelnde Aussichten also. Sollte einem/r da nicht angst und bange werden?
- Um die ganzen, von dir angesprochenen Themen abzuhandeln, müssten wir eine mehrstündige Talkshow einleiten. Von mir aus kann unser Staatsystem und der Kapitalismus ruhig in sich zusammenbrechen, ich halte da ohnehin nicht allzu viel von. Es müsste eher Richtung sozialen, bzw. kommunistisch beeinflussten Kapitalismus gehen, wo eine gerechte oder vielmehr gleiche Verteilung des Gesamtkapitals eintritt, damit es zukünftig keine Bereicherung und Ausbeutung "durch die Oberschicht" (die es dann nicht mehr geben würde) an den Ärmsten der Armen (die es dann zum Glück auch nicht mehr geben würde) mehr geben kann. Zudem sollten sich die Regierungen von allen Religionen lossagen, da dummerweise keiner erkennt oder erkennen will, dass alle großen Weltreligionen Parallelen in Wort und Tat aufweisen, ja sogar die gleichen Aussagen beinhalten. Nach dieser Erkenntnis, das wir eigentlich alle Brüder und Schwestern sind, die aber niemals eintreten wird, also somit eher nach der Abschaffung der Religion, würde die Kriegsführung wegen religiöser Differenzen nicht mehr in Frage kommen. Den Regierungen wäre dann, neben dem Bereicherungsbedarf, der ja dann ebenfalls nicht mehr vorhanden wäre, ein weiterer Nährboden für die Kriegstreiberei entzogen. Die Feindbilder würden mehr und mehr abnehmen und lohnen würde es sich ohnehin nicht mehr, in den Krieg zu ziehen. Somit kann und sollte man weiterführend auch alle Armeen und Waffen verschrotten, ausgenommen natürlich für coole Poserfotos...:-). Angst und bange wird mir aber auch bei anders aussehender Zukunft nicht. So lange man mit sich selbst im reinen ist, das Gesehene und Gehörte hinterfragt und sein Umfeld an den eigenen Gedanken und Taten teilhaben lässt, die wiederum ihre Überzeugung in die Welt tragen, wird es immer eine gebildete, kritische Masse geben, die zur Not auch mit Gewalt Einfluss auf die Geschehnisse nehmen kann. Also wovor Panik haben?

18. Zu guter letzt noch die Frage, was in diesem Jahr für IRATE ARCHITECT noch alles so auf dem Programm steht. Verfolgt ihr bestimmte Ziele mit der Band oder lasst ihr Euch eher überraschen von den Dingen, die da kommen werden?
- Zur Zeit sind wir leider noch ein wenig gehandicapt, da Philipp beeinträchtigende physische Probleme als Nachwirkung der Bestrahlung hat. Wir hoffen allerdings, ab Mai wieder einigermaßen loslegen zu können. Dieses Jahr war eigentlich die Split 10" mit YACOPSAE geplant, sowie die Aufnahmen zum neuen IRATE ARCHITECT Longplayer. Was daraus wird können wir auch noch nicht absehen, hoffen aber wenigstens eins von beiden 2009 realisieren zu können. Sobald wir fit sind, wollen wir auch wieder auf die Bretter und vor Publikum losballern. Früher haben wir uns im Vorfeld diverse (meist hohe) Ziele gesteckt, die jedoch meistens leider nicht erreicht wurden. Um diese Frustrationen zu vermeiden, lassen wir doch auch einiges so auf uns zukommen oder schrauben die Ziele und Hoffnungen ein bisschen weiter runter. Wir wollten z.B. seit der Veröffentlichung der "Visitors" CD auf eine kleinere oder auch gerne größere Tour aufspringen, um IRATE ARCHITECT einem größeren Publikum vorzustellen, doch bis jetzt blieben alle Bestrebungen dahingehend erfolglos.

19. Na gut, das soll's gewesen sein! Wie fandet ihr das Interview? War es eher so der übliche "business as usual"-Kram oder hat es wenigstens ein bisschen Spazz gemacht, die Fragen zu beantworten?
- Mir macht es eigentlich generell Spaß Interviews zu beantworten. Hierbei brauchte ich allerdings ein paar Tage mehr Zeit, als gewöhnlich, da erstens sehr viele komplexe Fragen anstanden und diese dann zweitens auch noch sehr ausführlich waren, bzw. weitere Unterfragen eingebettet hatten. Der Themenquerschnitt der Fragen war auf jeden Fall bunt und gut gewählt. So gibt es zumindest mehr Informationen und Gesprächsstoff als üblich. Auch über politische Themen unterhalte ich mich sehr gerne, finde es aber reizvoller sich dabei direkt mit jemandem auszutauschen und Gegenthesen aufzubauen und weiterzuspinnen.

20. Passiert es eigentlich oft bzw. in regelmäßigen Abständen dass ihr interviewt werdet? Whatever, besten Dank dafür, dass ihr Euch durch die Fragen gekämpft habt! Alles Gute weiterhin und bleibt wie ihr seid!
- Durch die Promotionkampagne unseres Labels "War Anthem Records" zum "Visitors" Release gab es doch schon eine Menge Interviews, die anstanden. Ich schätze, das waren in kurzer Zeit an die 40. Seit dem das Teil nicht mehr brandaktuell ist, kommen dann und wann vereinzelt Interviewanfragen auf uns zu, über die wir uns auch immer freuen. Denn IRATE ARCHITECT erhebt die Stimme weit lauter, als die ständige Tragikkomödie des Erdentheaters und beginnt zu erzählen...

Kontakt: www.myspace.com/iratearchitect