[ COLLAPSING SYSTEM ]

 

Wer heutzutage auf der Suche nach talentierten Underground-Bands ist, hat im wahrsten Sinne die Qual der Wahl. Während andere Stundenlang vor MySpace hocken, um irgendwelche Bands auszukundschaften, schneite mir vor einigen Monaten ganz unerwartet dieses Teil vor den Bug, und ich staunte nicht schlecht, was für eine Alte Schule Grindcore-Granate COLLAPSING SYSTEM hier abliefern. Verflucht, mit so einem Bastard aus aggressivem HC und uraltem NAPALM DEATH Sound habe ich definitiv nicht gerechnet. Nach ein paar Durchläufen war klar, hier will ich mehr erfahren. Die Jungs aus Venezuela zeigten sich zudem sehr kommunikativ und überraschten mich ein zweites Mal, als sie zu dritt antworteten. Arriba amigos! (Rayk)

1. Hola y buenos dias hermano Alvaro! Es freut und ehrt mich sehr, dass COLLAPSING SYSTEM Zeit und Interesse an einem Interview haben. Grind Willkommen im Campaign For Musical Destruction Zine. Ich hoffe, es geht dir/euch soweit gut. Was treibst du gerade im fernen, heißen Venezuela? Ich hoffe, du hast genügend kühle Getränke an deiner Seite, um meine Fragen zu beantworten.
Lass uns mal anfangen: COLLAPSING SYSTEM gibt es jetzt seit 2002, ihr habt allerdings erst 2007 euer Debüt veröffentlicht. Was geschah in dieser langen Zeit? Wenn ich mich nicht täusche, gab es zwei Demos. Wurden die jemals unters Volk gebracht, oder habt ihr sie nur im Freundeskreis verteilt?

- Alvaro: Also, das erste Demo war sehr, sehr limitiert. Nur eine ausgewählte Gruppe von Leuten besitzt diese Aufnahme. Danach lagen COLLAPSING für eine sehr lange Zeit auf Eis (2002 bis 2006). 2006 wollten Juan und Jorge COLLAPSING wieder neu formieren, und das war der Zeitpunkt, als ich bei ihnen eingestiegen bin. Wir nahmen ein paar Lieder vom ersten Demo und schrieben ein paar neue, und nach vielen Wechseln im Line-Up veröffentlichten wir „Collapsing System“ im Januar 2007.
- Jorge: Nun, anfangs hat die Band nur für Freunde gespielt, die selbst in anderen Bands spielten, um ein bisschen Spaß zu haben, aber dieser Spaß wurde zu etwas Ernsterem, als wir anfingen zu spielen und die Leute uns mit großem Enthusiasmus aufnahmen und bei den Konzerten immer viel gemosht wurde, dann mussten wir einige Mitglieder ersetzen und nach Leuten suchen, die den gleichen Enthusiasmus für die Band teilten, der nötig war, diese Suche hat uns viel Zeit gekostet, denn es ist schwer, hier in Venezuela Leute zu finden, die wirklich daran interessiert sind, Grindcore zu spielen, als wir dann die Besetzung für die Band gefunden haben, die wir für die richtige hielten, beschlossen wir, das Album aufzunehmen und rauszubringen.
- Juan: COLLAPSING SYSTEM wurde 2001 von Mitgliedern von DISMAL DAWN, einer Death Metal Band aus Venezuela, gegründet, COLLAPSING war damals ein Nebenprojekt. Im gleichen Jahr fand in Maracay ein wichtiges Metal-Festival statt, und COLLAPSING wurden eingeladen, daher war die Band dann kein Nebenprojekt mehr, DISMAL DAWN haben auch auf diesem Festival gespielt.
Von diesem Punkt an gab es einige Veränderungen in der Band, in der Tat ist von den Originalmitgliedern niemand mehr in der Band.

2. Alvaro, euer selbstbetiteltes Debüt ist bereits seit Januar 2007 draußen, und ich bin erst jetzt auf diesen höllischen Bastard aufmerksam geworden. Verflucht! Als ich das erste Mal COLLAPSING SYSTEM hörte, traute ich meinen Ohren kaum, was ich da hörte. Absolut kompromisslose, alte NAPALM DEATH Grindcore Schule, wie sie kaum besser sein könnte. Gratulation zu diesem klasse Album. Wie reagierten die Hörer bzw. Presse auf euer Album?
- Alvaro: Nun, vielen Dank! Da wir nur ein sehr begrenztes Budget haben, veröffentlichten wir von dem Album nur 100 Kopien, aber bevor wir den Vertrag mit Extreme Gore Productions hatten, haben wir bei einem Konzert schon eine Bootleg-Version von dem Album verkauft (mit weniger Liedern und im CD-R-Format und kopiertem Artwork, hahahahaha) – und wir haben in weniger als 15 Minuten alles verkauft. Was die Reaktionen angeht, nun, COLLAPSING ist in erster Linie eine Liveband, in meinem Land braucht man wirklich sowohl eine sehr gute Liveperformance als auch sehr gute Songs, um wirklich auf sich aufmerksam zu machen. Wir haben verdammt viele Shows gespielt, bevor wir auch nur einen Song aufgenommen haben, und das war es, was den Leuten an uns gefallen hat – unsere Liveshows. Als die CD rauskam, bestand ein Großteil der Käufer aus Leuten, die uns vorher schon gesehen hatten, von daher wussten sie auch, wie COLLAPSING klingen, ich weiß nicht wirklich, wie die CD bei den neuen Hörern ankam, aber ich hoffe, es war so wie bei dir, hahaha.
- Jorge: Die Reaktionen auf das Album kamen unerwartet, bei den Freunden, die uns von Anfang an kannten, aber auch bei vielen neuen Leuten kam es so gut an, dass in weniger als drei Wochen alle Kopien ausverkauft waren, und wir haben schon in vielen Orten außerhalb der Stadt gespielt, was hier für alle Bands sehr schwer ist – und ganz besonders für eine Grindcore-Band.
- Juan: Ja, definitiv, wenn eine Band diesen Musikstil spielt, den wir spielen, dann kann man es nicht vermeiden (im positiven und im negativen Sinn), mit NAPALM DEATH verglichen zu werden, aber wir sind hierzulande in der Metalszene sehr gut angekommen, vielleicht weil wir die einzige Band sind, die old school Grindcore spielt.

3. Eure Wurzeln liegen ganz klar in den Anfangstagen des Grindcores mit Punk-/HC-Einflüssen, sprich, uralte BENEDICTION, BOLT THROWER, NAPALM DEATH usw. Was fasziniert dich/euch gerade an diesem urwüchsigen Stil?
- Alvaro: In diesem Stil geht es vor allem um Aufrichtigkeit, es geht darum, das zu spielen, was du magst, auf die Art und Weise, wie du es magst, man braucht keine ausgefeilten Strukturen oder wahnsinniges Schlagzeug (na ja, vielleicht stimmt das in diesem Fall nicht ganz, hahahaha), es geht einfach um vier Typen, die die Musik spielen wollen, die sie lieben. Als wir also 2006 neue Songs schrieben, kann ich mich erinnern, dass viele davon so schnell entstanden sind, weil wir alle wissen, welchen Sound diese Lieder haben sollten – und dieser Sound ist verflucht schneller und roher Grindcore.
- Jorge: Am Anfang war es die Liebe zu NAPALM DEATH, aber auch Bands wie NASUM, BLOOD DUSTER, ROTTEN SOUND, und besonders wenn ich Lieder schreibe, dann denke ich nur an headbangende und moshende Leute, ich wollte immer einen Stil, der die Freunde oder Fans wirklich rockt, wenn man zu einem Konzert geht, sollte man Spaß haben, egal welchen Stil man bevorzugt, ich will, dass meine Musik die Leute dazu bringt, dass sie in den Moshpit springen wollen.
- Juan: Was uns am besten gefällt, ist die Ehrlichkeit, die Aufrichtigkeit, das Feeling und die Energie, die wir übertragen, wenn wir spielen, und live ist es noch zehnmal besser.

4. Du hast mir vor kurzem eure alten Demosongs und die Rohversionen des Debüts zukommen lassen. Besten Dank dafür. Es ist sehr beeindruckend zu hören, wie sehr ihr euch weiterentwickelt habt. War es schwer, in einem Land wie Venezuela die richtigen Bandmitglieder zu finden, die zum einen hinter der Musik stehen und zum anderen dies auch in die Praxis umsetzen können?
- Alvaro: Oh, du kannst drauf wetten, dass es schwer war, Mann! Hahaha. In der Geschichte von COLLAPSING SYSTEM gab es acht Mitglieder, die bei uns mitgespielt haben und dann später ausgestiegen sind oder gefeuert wurden. In diesem ganzen Chaos sind Juan (Gesang) und Jorge (Gitarre) die einzigen Gründungsmitglieder, und ich (Bass) bin neben ihnen der einzige, der seit der Neugründung von 2006 noch in der Band spielt. Es war nicht schwer, Leute zu finden, die gut spielen, es war schwer, Leute zu finden, die den Grindcore wirklich LIEBEN und so spielen wie Juan, Jorge und ich; viele von ihnen wollten, nachdem sie eingestiegen waren, COLLAPSING in eine Death Metal oder Death/Grind Band oder was auch immer umwandeln, und das hat wirklich genervt! Ich habe nichts dagegen, wenn Bandmitglieder mal einen neuen Stil ausprobieren, aber in dem Moment, wo wir das Gefühl haben, dass COLLAPSING seine „Essenz“ verliert, gibt es Ärger, und in der Regel führt der Ärger dazu, dass die Leute gefeuert werden oder aussteigen, hahahaha.
- Jorge: Ja, es ist sehr schwer, hier in Venezuela Leute für Grindcore zu finden, vielleicht ist das bei Stilen wie Metalcore, Death Metal, Power Metal nicht schwer, aber beim Grindcore ist es so, dass die meisten meinen, es wäre ein einfacher Stil, der keine Herausforderung darstellt, jeder will den „Metalhelden“ spielen und vergisst dabei das Gefühl und das Wesentliche der Musik, für mich geht es nicht darum, möglichst kompliziert zu sein, es geht darum, wie es sich anfühlt und wie es klingt.
- Juan: Es ist schwierig, Musiker zu finden, die diesen Stil spielen wollen wegen der vielen Arten von Grindcore, die es heute gibt; wir sind old school Grindcore, und wir wollen uns musikalisch weiterentwickeln, ohne unser Wesen zu verlieren, von daher ist es so, wenn ein neues Mitglied kommt, dann sagen wir ihm, wie wir die Sache angehen.

5. Juan hat ein herrlich tiefes Organ, was sich fast zu 100 Prozent nach Barney anhört, was ich absolut göttlich finde. Habt ihr selbst schon die Möglichkeit gehabt, die Engländer kennen zu lernen? Was sagen sie zu euren zwei absolut geilen NAPALM DEATH Coversongs?
- Alvaro: Ich persönlich habe zwei Autogramme von Shane und eins von Mitch, und die beiden Male, die ich sie getroffen habe, waren reines Glück (das letzte Mal war bei einem MEGADETH Konzert, am nächsten Tag fand das Konzert von NAPALM und SUFFOCATION statt, und Mitch und Shane schauten dort mal rein). Was Coversongs angeht, nun, wir wollen einfach nur Spaß haben und ein Tribut an unsere Helden spielen, darum haben wir das gemacht, aber wir spielen diese Coversongs nur zu ganz besonderen Anlässen.
- Juan: Meine gesanglichen Einflüsse kommen aus der britischen Szene des old school Death Metal und Grindcore, um genauer zu sein von Mark „Barney“ Greenway, Dave Ingram, Kam Lee von MASSACRE usw., sie alle haben mich sehr beeinflusst, aber es ist an der Zeit, neue Stile zu erkunden, natürlich ohne das Wesentliche zu verändern.

6. Und wo wir schon mal bei den Briten sind, waren NAPALM DEATH schon mal auf venezolanischem Boden, und habt ihr bereits die Jungs live sehen können?
- Alvaro: NAPALM sind (wie du dir denken kannst) eine meiner Lieblingsbands, und sie waren dreimal in Venezuela, einmal in den 90ern bei der klassischen „Clash of the Titans Tour“, 2005 bei der „The Code is Red Tour“ und 2010 bei der „Time Waits for No Slave“ Tour (mit SUFFOCATION – Wahnsinns Live-Band!). Leider haben sie nie so viel Respekt bekommen, wie sie verdienen, und bei den beiden Konzerten in den 2000er Jahren hatten sie unter schlechtem Sound zu leiden dank der „Produzenten“ dieser Shows. Jungs, wenn ihr das irgendwo lest, hier entschuldigt sich ein venezolanischer Fan dafür, und ich hoffe, dass ihr eines Tages wieder hierher kommt und den Grindcore auf die Art und Weise entfesseln könnt, wie es sich gehört.
- Jorge: Auf jeden Fall! Und es war der Wahnsinn, eines der besten Konzerte, die ich je besucht habe, der Sound und die Logistik waren furchtbar, aber das ist mir egal, sie standen einfach darüber und haben eine unglaubliche Show geboten.
- Juan: Wir hatten drei Mal die Gelegenheit, NAPALM DEATH in unserem Land zu sehen, tatsächlich sind sie diejenige extreme Metalband, die uns am häufigsten besucht hat, leider hatten wir nie die Gelegenheit, die Bühne mit ihnen zu teilen.

7. Von eurer CD gab es, glaube ich, nur 100 Stück. Vertrieben wird das Teil über das Label Extreme Gore Productions, was ebenfalls in Venezuela beheimatet ist. Werdet ihr in Zukunft auch wieder mit diesem Label zusammenarbeiten? Was mich etwas wundert, ist, dass die CD einer Grindcore Band wie COLLAPSING SYSTEM bei einem Label vertrieben wird, was eher für Porngrind bzw. Brutal Death Metal Bands bekannt ist. Wie passt das zusammen?
- Alvaro: Nun, wir haben uns nur auf den Vertrieb von 100 Kopien der CD geeinigt, aber ich bin noch immer in Kontakt mit Jose Aponte (Extreme Gore Productions), also wissen wir noch nicht, was die Zukunft vielleicht bringen wird. Was das Label angeht, ich will dir die Wahrheit sagen: Als wir das Debütalbum fertig hatten, war kein einziges Label an uns interessiert (in Caracas gibt es zwei „große“ Labels, mit denen man zusammenarbeiten könnte, eines von ihnen sagte mir, dass sie nur mit Heavy Metal Bands arbeiten, und die anderen sind einfach nur ein Haufen Arschlöcher, die die Bands, die sie unter Vertrag nehmen, über den Tisch ziehen). Als wir dann zum zweiten Extreme Gore Fest eingeladen wurden, hat uns Jose Aponte (der Veranstalter der Show) live gesehen und schon hatten wir den Vertrag.
- Jorge: Wir wissen wirklich noch nicht, ob wir noch eine weitere Veröffentlichung mit EGP machen werden, aber der Besitzer dieses Labels ist ein Freund von mir, ich würde also nichts dagegen haben, noch mal etwas zu machen.
- Juan: Derzeit planen wir die Arbeit an unserer neuen CD, wenn wir das ganze Material fertig haben, steht die Entscheidung für ein Label an.

8. Ich finde es klasse, dass in letzter Zeit vermehrt Bands den alten Stil des Grindcores spielen, wie zum Beispiel BANGSAT aus Indonesien, BROB aus Japan, FACADA aus Brasilien. Kennst du diese Bands? Wie hältst du dich auf dem Laufenden in Bezug auf neue Veröffentlichungen? Fanzines lesen oder doch nur vorm PC hocken?
- Alvaro: Nein, ich kenne keine von den Bands, die du gerade aufgezählt hast, aber ich werde nach ihnen Ausschau halten. In Venezuela gibt es ein paar Fanzines, aber manche kann man nur schwer bekommen, darum ist für mich das Internet das beste Mittel, um Neuigkeiten aus der Musik zu erfahren.
- Jorge: Um ehrlich zu sein, momentan habe ich nicht viel Zeit, nach neuen Talenten zu suchen, und ich weiß, es gibt da draußen gute Leute, die ordentlichen Grindcore spielen, aber ja, die Tendenz, zurück zu den Wurzeln zu gehen, liegt in der Luft, und ich will nicht einfach nur im old school Bereich bleiben, ich will versuchen, etwas zu verbessern, eine Mischung aus Rock’n’Roll und Grindcore, ich weiß, das wurde auch schon vorher gemacht, aber ich will dem Sound von COLLAPSING SYSTEM mehr Profil und mehr Abwechslung geben.
- Juan: Wir bleiben dank dem Internet auf dem Laufenden.

9. Wann und vor allem wie bist du zum ersten Mal mit diesem Musikstil in Kontakt gekommen? Welche Bands waren der Auslöser, es nicht nur beim Musikhören zu belassen, sondern eine Band ins Leben zu rufen?
- Alvaro: Also, die Band, die meine musikalische Ader geweckt hat, war METALLICA, als ich mir ihre ganzen klassischen Live-Videos angeschaut habe, wurde mir klar, dass es mir nicht genügt, einfach nur Musik zu hören, ich habe mir einen billigen Bass gekauft und angefangen, ihre Songs zu lernen, nach einer Weile spielte ich in Bands mit den verschiedensten Stilen (beschissener Punk, Hardcore usw.), und später bekam ich dann einen Anruf von einem Typen, der in einer Death Metal Band war, und ihr Bassist war gerade ausgestiegen. Das war der Zeitpunkt, zu dem ich angefangen habe, mir die richtig harten Sachen anzuhören (CANNIBAL CORPSE, VILE, DYING FETUS, ABORTED und viele andere), und als ich dann bei NAPALM DEATH anlangte, wusste ich, das ist genau der Stil, den ich mag, und den ich gehofft hatte zu hören, denn es ist kein Metal und kein Hardcore, es ist einfach eine magische Verbindung, die sich Grindcore nennt, hahahaha, und seither liebe ich es, diesen Stil zu hören und zu spielen.
- Jorge: Am Anfang waren natürlich NAPALM DEATH, aber als ich angefangen habe, bei COLLAPSING SYSTEM zu spielen, habe ich nicht viele Grindcore-Bands gekannt, ich mochte einfach ihren Sound und ich sagte ja, als sie mich darum baten, mit ihnen zu spielen, und dann habe ich mehr über den Stil gelernt, und ich wollte diesen Hardcore Rock’n’Roll Schwung in die Band mit einbringen.
- Juan: Ich höre seit 1988 Grindcore, Bands wie NAPALM DEATH, EXTREME NOISE TERROR, TERRORIZER, NAUSEA, aber zu dieser Zeit war es sehr schwierig, diese Art von Musik zu finden, in Venezuela war das eine absolute Undergroundbewegung, und die Plattenhändler haben nicht mal dran gedacht, diese Art von Musik in die Läden zu bringen.

10. Kommen wir mal zu etwas, was mir seit ein paar Jahren auffällt. Dieser ganze vorpubertäre Brutal Death Metal bzw. diese saudämliche Pornogoregrind-Scheiße ist ja teilweise nicht mehr auszuhalten. Wie siehst du/ihr das? Ich meine, nur weil die meisten eine extrem tiefe, röchelnde Stimme mit einbauen, heißt das noch lange nicht, dass dies gleich Grind ist, oder?
- Alvaro: Das stimmt, aber ich mag einige Bands, die Pornogrind spielen, hahahaha, ich denke, dieser Stil ist einfach die „natürliche Weiterentwicklung“ des „wahren“ Grindcore (NAPALM, NASUM, ROTTEN SOUND usw.). Ich respektiere alle Arten von extremer Musik, aber das heißt nicht, dass alle Gruppen, die das spielen, gut sind, es gibt gute und wirklich absolut beschissene.
- Juan: Der Goregrind ist eine weitere Variante des Stils, er stört mich überhaupt nicht, wir respektieren alle Arten von Musik – natürlich so lange sie originell, ehrlich und auf dem Boden geblieben ist.

11. Eure Songtitel zeigen, dass ihr eher sozialkritische Texte habt. Um was genau geht es in euren Texten, handelt es sich mehr um allgemeine gesellschaftliche/globale Probleme, die in allen Teilen der Erde allgegenwärtig sind, oder zielen eure Texte eher auf die Missstände in eurem eigenen Land ab?
- Alvaro: Ich denke, beides. In meinem Land ist es sehr, sehr schwer, die gesellschaftlichen Probleme zu ignorieren, mit denen wir es zu tun haben, und die Politik macht es nur noch schlimmer. Die Leute merken nicht, dass Politik nur eine Art von Manipulation ist, eine Art von Kontrolle, und wenn du nicht einem dieser beschissenen Regierenden folgst, dann bist du ein Punk. Also, dann bin ich lieber ein Punk als ein Sklave, ich sympathisiere mit keiner der Gruppierungen hier, denn es sind nur zwei hungrige Hunde, die an einem Knochen nagen wollen, und dieser Knochen ist das Land und die Menschen, die darin leben. So sieht die Situation hier aus, aber nach dem, was ich sehe und lese, ist es nicht nur hier so, es sieht in der ganzen Welt ähnlich aus.
- Juan: In unseren Texten gibt es offensichtlich viel Gesellschaftskritik, die gesellschaftlichen Themen sind das, was den Grindcore ausmacht, daher ist es der perfekte Stil für mich.

12. Inwieweit gibt es in Venezuela überhaupt Meinungsfreiheit? Wie geht man mit Grindcore bzw. Metal bei euch um? Findet ihr Anhänger, oder ist es schwer, mit solcher Musik Leute für sich zu gewinnen? Wo gibt es den meisten Zuspruch?
- Alvaro: Nun, dazu sage ich nur eins: Wenn du nicht auf der Seite des „Prozess“ stehst (du weißt, wer der Anführer des Prozesses ist, er lässt Venezuela jeden Tag schlechter aussehen), dann wirst du gedemütigt, erschossen, verprügelt und verfolgt, ich hoffe, das gibt dir einen Überblick über die Lage.
In Venezuela gibt es ein großes Publikum von Metalheads, aber das heißt nicht, dass sie alle die im eigenen Land produzierte extreme Musik respektieren und daran Interesse haben. Ich kenne viele, die daran interessiert sind und sie sich anhören, aber das ist nicht die Mehrheit (leider).
- Jorge: Nun, wir können in Venezuela immer noch unsere Musik spielen und es gibt Leute, die diesen Stil unterstützen, Musiker spielen lieber Death oder Black Metal, aber das Publikum steht sehr auf Grindcore. Wir sind hier eine von wenigen Bands, die Grindcore spielen, und es gefällt den Leuten sehr gut.
- Juan: In Venezuela gibt es so lange Meinungsfreiheit, bis man anfängt, die Regierung zu kritisieren, dank des internationalen Drucks kann die Regierung ihr wahres Gesicht nicht zeigen (zum Glück).
Der Musikstil ist hier sehr undergroundig, darum beachtet und kontrolliert uns die Regierung nicht.

13. Du hast mir letztens geschrieben, dass ihr in Zukunft eure neuen Songs zum Download ins Netz stellen wollt, weil es schwierig sei, CDs zu verkaufen. Auf der einen Seite kann ich es verstehen und sogar nachvollziehen, aber auf der anderen Seite verleitet man ja regelrecht die Hörer zum nicht kaufen und zum ständigen runterladen, oder nicht?
- Alvaro: Das Internet hat alles verändert, heute ist es einfacher, sich eine CD runterzuladen, als sie im Laden zu kaufen. Es ist ein zweischneidiges Schwert, einerseits hat man so die Chance, überall auf der Welt gehört zu werden, aber auf der anderen Seite zerstört es die Musikindustrie auf eine Art und Weise, dass ich denke, sie wird nie mehr dieselbe sein. Ich lade mir Musik runter, aber wenn ein Album super ist, dann besorge ich mir den physischen Tonträger, ich habe fast 150 CDs und vielleicht 300 Vinylscheiben von allen Musikstilen. Wenn du meinst, dass das eine niedrige Zahl ist, dann denk daran, dass es hier wirklich schwierig ist, extreme Musik zu bekommen, und wenn du etwas gefunden hast, dann kostet es das drei- oder vierfache des Ladenpreises.
- Juan: CDs sind schwer zu verkaufen, denn das einzige, was sich im Musikgeschäft nicht verändert hat, ist, dass man immer noch mit Singles, Radiowerbung und solchen Sachen arbeitet, das CD-Format ist etwas, das schon überholt ist und dazu verwendet wird, Informationen abzuspeichern, ich glaube, es ist an der Zeit, die gesamte Infrastruktur neu zu erfinden, um die Musik unseren Fans und Hörern besser zugänglich zu machen, denn sie sind es, die zu unseren Konzerten kommen.

14. Was bekommt der „Die Hard Fan“ in Zukunft von COLLAPSING SYSTEM also geboten, der nun was in der Hand haben möchte, anstatt den reinen Downloadlink? Ich jedenfalls habe keine Lust mir in Zukunft alles aus dem Netz zu saugen, selbst wenn es für umsonst wäre. Da fehlt mir was, und der Underground-Gedanke bleibt dann völlig auf der Strecke.
- Alvaro: Wow, das ist eine schwere Frage. Wegen der Krise in meinem Land ist es schon schwer genug, in einer Band zu sein, kaum vorstellbar, einen Vertrag in Übersee zu haben! Ein paar Bands haben es geschafft, aber es waren andere Zeiten, als sie das erreichten. Wenn wir jetzt das Material fertig bekommen, dann werden wir entscheiden, ob wir es online stellen oder ob es eine limitierte Auflage geben wird. Wenn es soweit ist, werden du und dein Magazin die ersten außerhalb von Venezuela sein, die es erfahren.
- Jorge: Wir wollen einen Plan machen, um so was wie eine CD zu machen, aber es sind eher die finanziellen Dinge, die uns davon abhalten, und auf die eine oder andere Art und Weise wollen wir die Musik mit den Leuten teilen, ich denke, es ist klasse, dass die Leute uns schon vorab kennen, und dann, wenn es ihnen gefällt, werden sie auch etwas von uns kaufen können.

15. Du hattest mir letztens geschrieben, dass bei COLLAPSING SYSTEM letztes Jahr nicht allzu viel lief/ging. Was war der Grund dafür? Du hast dich dann vor ein paar Wochen mit Sänger Juan unterhalten, um über die weitere Vorgehensweise mit C.S. zu sprechen. Kamt ihr auf einen gemeinsamen Nenner? Und was gibt es für Neuigkeiten eurerseits?
- Alvaro: Nun, der Hauptgrund waren verschiene Differenzen zwischen den damaligen Mitgliedern, einige von ihnen wollten einfach etwas anderes machen und die Band neu ausrichten, aber ich denke, das ist nicht die richtige Richtung für COLLAPSING. Nach einem letzten Konzert beim vierten Extreme Gore Fest ist die Band einfach kollabiert (sehr passende Wortwahl, hahahaha). Die aktuellen Neuigkeiten sind, dass COLLAPSING immer noch aktiv sind, Jorge, Juan und ich arbeiten an neuem Material, wir planen, eine neue CD aufzunehmen, aber das wird noch etwas dauern, aber wenn es soweit ist, wird es eine solide Platte sein, keine alten, übrig gebliebenen Songs, einfach nur neue und brutale Musik.
- Jorge: Ich war aus der Band raus, weil ich persönliche Differenzen mit dem Schlagzeuger hatte, und ich wollte nicht mit einer Person wie ihm zusammen in einer Band spielen. Aber jetzt ist er weg, und ich bin wieder dabei. Aber ich lebe jetzt in Bogota, der Plan ist, dass wir Musik schreiben und sie uns innerhalb der Band gegenseitig über das Internet zuschicken, und im Dezember wollen wir das komplette Material aufnehmen und mit dem zweiten Album zuschlagen.
- Juan: Wir haben beschlossen, dass jeder sich bestimmten Projekten widmet, um die Sache aufzufrischen, neue Ideen und Anreize zu finden, neue Energie.

16. Lass uns mal ein wenig über Venezuela reden. Wir Europäer kennen Südamerika meistens nur aus dem Fernsehen oder Büchern, was sicherlich ein recht verklärtes Bild über euer Land abgibt. Wie ist das Leben in Venezuela tatsächlich? Ist es Fluch oder Segen dort zu leben? Oder beides zugleich? Was hat sich seit der wiederholten Präsidentschaft von 2002 mit Hugo Chávez für Venezuela in positiver als auch negativer Sicht verändert?
- Alvaro: Nun, wie du gesagt hast, das Leben hier ist zugleich Fluch und Segen, hier zu leben, heißt, in einem permanenten Zustand des Zweifels zu leben, denn man weiß nie, was passieren wird, wenn man seine Wohnung verlassen hat, ich weiß, es klingt schlimm, aber es ist die Wahrheit.
Andererseits hast du hier ein Land, das reich ist an natürlicher Umgebung, wir haben Strände, feinen Sand, Flüsse, Berge, Abgründe, sogar Schnee, all das, ohne das Land zu verlassen. Wir haben sehr cooles Essen, sehr cooles Bier, sehr coolen Rum, alles, was man sich wünscht, aber all das wird in den Gedanken der Menschen verdrängt wegen einer einfachen Sache: Politik. Venezuela hat für 50 oder mehr Jahre unter schlimmen Regimes gelitten, es gab in den Jahren vor Chavez zwei große „Partidos“, und diese beiden haben ein wunderbares Land genommen und in jeder möglichen Hinsicht missbraucht. Chavez war der Faktor X bei den Präsidentschaftswahlen von 1998, er repräsentierte den anderen Weg, natürlich war alles, was er sagte und versprach, gelogen, und nun ist er SCHLIMMER als alle Präsidenten, die vor ihm da waren. Von daher, nein, es gab keine positive Sicht für Venezuela. Es ist traurig, denn dank diesem Arschloch hält die ganze Welt uns für beschissene Indianer. Venezuela ist ein Land, das in guten Händen eines der reichsten des Kontinents werden könnte, aber dank der Gier, dem Geld und vor allem der Macht, sind wir jetzt diejenigen, die in aller Welt ausgelacht werden. Glaubt nicht, was ihr im Fernsehen über Venezuela seht, die Leute verachten Chavez, er ist nur ein größenwahnsinniges Stück Scheiße wie Castro, aber er ist auch ein schlaues Arschloch, und darum hat er auch heute noch das Sagen.
- Jorge: Venezuela ist dank Hugo Chavez verloren und zur Zerstörung verdammt. Das ist einer der Gründe, warum ich nach Kolumbien gezogen bin, alles was man hört und liest, ist nur die Oberfläche, die Wirklichkeit ist viel zu schlimm.
- Juan: Leider hat dieses Land schon immer die Informationen kontrolliert, die die Außenwelt erreichen, und die meisten wissen nicht, was hier passiert; ich denke, dass das in diesem Abschnitt des Jahrhunderts in einer globalisierten Welt der Telekommunikation nicht mehr vorkommen sollte.
Wir leben definitiv unter dem Fluch, mit einer herrschenden Elite zu tun zu haben, die das Vertrauen der Menschen in diesem Land missbraucht hat, bis zu dem Ausmaß, dass Menschenrechte verletzt werden und politische Ungleichbehandlung stattfindet. Die sozio-ökonomischen Bedingungen in diesem Land sind immer schlimmer geworden bis zu dem Punkt, dass wir die zweithöchste Inflationsrate des gesamten Planeten haben, das ist ein Hinweis auf die Krise, die wir in diesem Land erleben, es geht um die Lebensqualität der Einwohner, es ist ein gewalttätiges Land geworden, all das geschieht im Einverständnis der herrschenden Klasse, die die staatlichen Institutionen zerstört oder an sich gerissen hat, und darum haben die Bürger keine Rechte, keine Gerechtigkeit, weil alles politisiert wurde. Unglücklicherweise sind wir gerade dabei, all unsere bürgerlichen Freiheiten zu verlieren und zum zweiten Kuba des Kontinents zu werden.

17. Wie sieht es mit Konzertmöglichkeiten in Venezuela aus? Gibt es genug Möglichkeiten aufzutreten, oder ist es eher schwierig, als „Metalband“ einen Veranstalter bzw. Clubs zu finden?
- Alvaro: Es ist immer schwierig für eine Metalband, Unterstützung zu bekommen, sogar diejenigen, die jetzt bekannt sind, hatten darunter in ihren frühen Jahren zu leiden. Venezuela ist keine Ausnahme, im Moment ist die einzige Möglichkeit, in einem Club zu spielen, die Vorband für eine Band aus dem Ausland zu sein, und diese Stellen für die lokalen Bands werden immer und immer wieder mit den gleichen Bands besetzt. Lass mich Klartext reden, wenn du kein Freund des Veranstalters bist, dann wird deine Band NIE diese Stelle als Opener besetzen können, traurig, aber wahr.
- Jorge: Es ist schwierig aufzutreten, sehr, sehr schwierig. Aber nicht unmöglich, es hängt davon ab, wie viele Bars oder Produzenten es gibt, die Veranstaltungen machen.

18. Wie sahen die Liveaktivitäten außerhalb Venezuelas aus? In meinem Nachbarland, Tschechien, gibt es das Obscene Extreme Festival, wo Bands aus aller Herren Länder auftreten können, die brutale Musik spielen. Sagt dir das Festival etwas? Und wenn ja, habt ihr euch dort schon mal beworben? Wie muss man sich C.S. live vorstellen?
- Alvaro: Nein, von diesem Festival habe ich noch nie etwas gehört. Außerhalb von Venezuela gibt es das „Rock al Parque“ in Bogota (Kolumbien), das ist ein kostenloses Konzert, das alle Musikrichtungen präsentiert, und dort werden auch jeden Tag viele lokale Bands vorgestellt. COLLAPSING SYSTEM live ist wie eine old school Band zu sehen, es geht nicht um die Laser- und Nebel-Scheiße, sondern es geht um die Musik und darum, Spaß zu haben.
- Jorge: COLLAPSING SYSTEM live ist wie ein großer, nicht endender Mosh, es ist bei jedem Konzert, das wir geben, das selbe, die Leute rasten total aus. Und das ist das, was wir wollen, mal sehen, was passiert, wenn wir das zweite Album fertig haben, wenn wir zu einem Festival eingeladen werden, dann kommen wir natürlich, aber ich schätze, wir sind immer noch unbekannt.

PS: Kleine Anmerkung meinerseits, eigentlich war ein 2. Teil des Interviews vorgesehen, leider war die Zeit für beide Seiten zu kurz, so dass das Interview an dieser Stelle etwas abrupt aufhört. Wenn dieses Heft erschienen ist, sollte das Debütalbum von COLLAPSING SYSTEM online zum kostenlosen Download verfügbar sein. Informationen findet ihr unter www.myspace.com/collapsingsystem oder schreibt direkt an Alvaro: thesongsofliberty@hotmail.com (Rayk)

S/W Fotos: Julio Falcon, juliocesarfalcon@yahoo.com

Interview: Rayk, Übersetzung: Katja